Echsen

Ich mache mit Echsen weiter, Schleichartigen, Warane, im Nachhinein nicht mehr genau zu bestimmen, ich google seit Stunden Bilder, aber alle Warane sehen leicht anders aus als meiner, der an einer Gittertür hochgekraxelt ist und eine gebänderte Haut aufweist. Waranhaut ist sehr beliebt und reißfest, man lagert lebendig Bindenwarane zb tagelang mit zusammengebundenen Beinen und tötet sie mit einem Hammerschlag auf den Kopf, wenn sie Glück haben, sonst häutet man sie bei lebendigem Leib. Das Gehege sieht ramponiert aus, von den Wänden bröckelt Putz bis genau zu der Höhe, wohin der Waran reicht. Als studentische Hilfskraft habe ich mal zum aufrechten Gang geforscht, der hat ja anatomisch begünstigt, dass Greifhände frei wurden und sich Kehlkopf und Sprache bilden konnten, bei Zirkusnummern gehört es dazu, dass man schwerfällige Vierbeiner gern in die Aufrechtstellung bringt. Der Waran an der Gittertür sieht aus, als wenn er wartet, irgendjemand kommt täglich von der anderen Seite und liest ihm die Zeitung vor, den Wirtschaftsteil und wie das Wetter wird, das ihn nicht scheren muss, dann schiebt er seine gespaltene Zunge hervor und schlackert sie ein bisschen, wie zum Aufnehmen des Geruchs von Druckerschwärze.

Autan

Eigentlich wollte ich einen Geparden hochjagen, aber der faule Renner lässt sich hier nicht hertreiben, in Florianopolis, dem Süden Brasiliens, kommt er ja auch nicht vor, nur der Jaguar (Onca) ist vertreteten. Heute nacht wurde mir bewusst, ich kann ein paar Insekten nicht aussparen, die wohl lästigstens Tiere in Architektur sind Blutsauger und Stecher, der gemeinen Stechmücke einen prominenten Platz in meinem Buch einräumen, widerstrebt mir allerdings etwas, und es fragt sich auch, was soll ich dazu fotografieren? Wallkills? Blutflecken an Wänden und auf Laken? Der berühmte Mückenbiss Monty Pythons, von einem Tiger in Afrika begangen, jaja. Prominent ist so ein Biest ja allerdings doch, die WHO registriert doppelt so viele Malariatote als bislang angenommen. 2010 starben 1,2 Millionen Menschen an Malaria. Gestern nacht am Strand blinkte ein Glüchwürmchen im Sand, Natur ist so irre. 14000 Insektenarten ernähren sich von Blut, Grusel, Horror, und selbst in Robert Musils wundersamer Erzählung Die Portugiesin wird der Raubritter, der einen Wolf von Hand erschlagen konnte, letztlich vom Stich einer Mücke dahin gerafft. Man versucht nun mit genmanipulierten Insekten gegen jene vorzugehen, die Krankheiten verbreiten. Mücken und die nächtliche, schlafraubende Jagd nach ihnen, eignen sich natürlich auch hervorragend für Slapstick, ich erinnere, wie in Wenders Lisbon Story Ulrich Noethen eine wunderbare Mückenjagd hinlegt. Ein Mann, der Töne sammelt, aber am Sirren der Mücken des Nachts verzweifelt. Bei Insekten fallen einem dann auch lauter nichtgeschriebene Insektenwitze ein, kommt ne Mücke zum Tierarzt… Highly underrated Animals und ihre Rache daran, dass size matters, so könnte man einige Insekten kategorisieren.

Paul Eiper, Tiere sehen dich an, Berlin 1928

“Da kauert der große Bengaltiger, der im Sommer ein Geschwür am linken Vorderbein hatte; ihm bekommt das nasse Wetter nicht gut, er hüstelt und weißer Saft läuft aus seinen Leftzen. Aber er ist ein kraftstrotzendes Tier. Lovis Corinth hat ihn gemalt und mir einmal voller Begeisterung erzählt: “Denken Sie, was ich gesehen habe: Die Paarung der Tiger. Toll! Die beiden Tiere lagen jedes in einer Ecke ihres Käfigs; plötzlich – ein Krachen und ein Getobe. Ich sah nur noch Farbflecke, wilde Farbflecke. Wie Gummibälle flogen die Bestien aneinander hoch. Sie fauchten und brüllten und sausten im Eifer des Gefechtes mitten in die pralle Sonne hinaus, ganz vorn an die Gitterwand.

Hier geschah es, daß das Männchen zum Ziele kam. Ein dumpfes Grollen, verbissen im Genick der langgestreckten Tigerin tat es sein Werk. Wie ein Weib räkelte sich nachher die schöne Bestie, alle Viere von sich gestreckt. Es war ein großer Eindruck. Ganz anders als bei Ihrem besonderen Freund, dem Löwen, wo so etwas langweilig und ganz geschäftsmäßig vor sich geht. Beim Hengst ist es allerdings noch gewaltiger, bloß, daß da die Farben fehlen.”

Der Ottertext ist fertig. Ich lese im Eiper und bin amused, nicht zuletzt, was den Farbfetischblick Corinths auf die tierische Kopulation angeht. Ich vermisse meine Kunstbände, im Netz finde ich nur das Bacchanal mit Tigern von ihm, was aber in dem Zusammenhang ganz gut passt. Leider fehlen mir im eigenen Archiv gute Tigerfotos, am ehesten noch die aus Las Vegas, von den weißen Tigern Siegfried und Roy’s, die sie im Durchgang zum Mirage Hotel & Casino hielten, hinter Glas. Ich hab am Strip wirklich jedes Hotel abgeklappert, das etwas mit Tieren zu tun hatte, und rückblickend, scheint mir, hatte auch jedes Hotel irgendeinen dressierten Tigerhai. Tiger sind auf jeden Fall von Delacroix über Slevogt bis Marc und Rousseau immer reichlich vertreten gewesen in der Malerei. Im Fin de Siècle tauchen dann Geparden auf, Großkatzen an der Leine neben Salonlöwen. Was sind eigentlich die Big Five des Zoos? Ein Ranger im Kleinen Karoo erklärte es so, Big Five sind in freier Wildbahn die Tiere, wo die Chance 50 zu 50 stehe, dass im Zweikampf Jäger oder gejagtes Tier überlebt, wobei das ja wohl sehr von der Wahl der Waffen abhängen dürfte. Die Big Five des Zoos müssten folglich die Tiere sein, die vielleicht am schlechtesten auszumachen sind, Zwergchamäeleons und Erdferkel, irgendein lichtscheues, schwer zu erspähendes Völkchen vielleicht.

Als Kind hatte ich ein ganz eigenes Zootigererlebnis. Man fand häufiger den Hinweis an Tigerkäfigen: Vorsicht! Tiger spritzt durchs Gitter. Sinnfällig wurde mir erst, was damit gemeint war, als ein Tiger meine Freundin Jutta durchs Gitter markierte, und die war ganz schön nass danach, das Schild hatte also seine Berechtigung. Vorher hatte ich mir irgendwas Transzendentes gedacht, ein Tiger, der durch Gitter geht, wie bei einem Zaubertrick.

Der König der Tiere ist auf jeden Fall im Bett so was wie die totale Routinenummer nach Corinth, wie machen es die Flughunde und die Komodowarane?

Den Zoo erzählen

Mit Frank Kasper, der für ein Radiofeature anfragte, lief ich noch 4 Stunden durch den Berliner Zoo letzten Herbst und wir sprachen lange darüber, dass der Zoo auch ein Wunsch nach Übersicht und Kontrolle bedeute, fast wie ein Autor, der nicht vom auktorialen Erzählen lassen kann, und ich sagte, ich wüßte nie, was dabei herauskäme, wenn ich schriebe und wüßte ich es, dann hätte ich keine Lust mehr, mich noch hinzusetzen und die sklavische Exekutive meiner eigenen Ideen zu sein, so sei ich vermutlich eben deshalb kein Erzähler geworden, weil ich mich zu gern treiben lasse und keine Herrschaft über meinen Stoff anstrebe, weil ich nicht daran glaube, dass man Überblick gewinnen könne, für mich sei eben alles Ausschnitt, Fragment. Hätte ich Überblick haben wollen, wäre ich vermutlich Kartograph geworden. So wie Adalbert von Chamisso die Küsten Alaskas kartographiert hat und das Wort Parka erfunden haben soll, nicht ganz so dicht wie ein Otterfell, aber auch warm. Oft drück ich mich vor dem Buch, weil ich eben doch schon ein bisschen recherchiert habe und schwöre mir, ich schreibe nie mehr was, von dem ich meine, ich müsste mich erst schlau machen, total beknackt finde ich ja eigentlich den ganzen Realismuszwang, nur ganz ablegen kann ich ihn selbst wohl leider auch nicht.

Bei W. Benjamin sind die Otter die heiligen Tiere des Regenwassers. An ihrem Gehege stand er in seiner Berliner Kindheit oft und konnte nicht sagen, ob nicht alle Wasser der Stadt dort zusammenflössen, um die Otter zu speisen. Ich nahm die Otter im Speiskübel in Santa Barbara auf. Symbiotisch verwachsen und bereit für die nächste Sintflut.

Der Ottertext fällt mir schwer, er ist für meine Begriffe der Zentraltext in Benjamins Berliner Kindheit: “Doch wenn ich in sein Wasser blickte, war mir immer, als stürze Regen in alle Gullys der Stadt, nur um in dieses Becken zu münden und sein Tier zu speisen. Denn es war ein verwöhntes Tier, das hier behaust war und dem die leere, feuchte Grotte mehr als Tempel denn als Zufluchtsstätte diente. Es war das heilige Tier des Regenwassers. Ob es aber in den Abwässern und Wässern sich gebildet habe oder von seinen Strömen und seinen Rinnseln sich nur speise, hätte ich nicht entscheiden können. Immer war es aufs äußerte beschäftigt, so als wenn es in der Tiefe unentbehrlich sei.”

Das sich bilden in den Gewässern deutet ja schon an, dass es auf die Entstehung ersten Lebens zurück will, und in der Tiefe unentbehrlich sein, hat etwas davon, wie es ist, wenn man als Besucher Einblick nimmt, aber doch nie ein Eingeweihter sein darf.

Das größte Glück schien mir immer, wenn Kontaktnahmen gelangen, das erklärt wohl auch die Zugriffszahlen dieses Homevideos eines Otters im San Diego Zoo.

Offenbar gibt es eine Art Sehnsucht danach, die andere Gattung zu verstehen und sich ihr verständlich zu machen, Konrad Lorenz, Pferdeflüsterer, oder die Frage Thomas Nagels danach: What is it like to be a bat?

Sich unter vielen auf der anderen Seite des Käfigs gemeint fühlen, letztlich beginnt damit alles wichtige im Leben. Und das schon innerhalb der eigenen Gattungsgrenzen, wie beeindruckt war ich von David Thewlis in Mike Leighs Naked, der nachts ziellos durch Londons Straßen streunt, als er einen Underdog, der ohne Unterlass autistisch nach seiner verlorenen Freundin Mä-g-äää brüllt, fragt: Ey, wie issen das, wenn man so ist?

Vielleicht ist es genau das, was ich in Erfahrung bringen möchte, wie issen das, wenn man so ist? Wenn man mit einem körpereigenem Echolot orten kann, oder eins der dichtesten Tierfelle im Tierreich besitzt. Da ich einen kleinen Horrortick habe, spielt wohl auch der mit hinein, Tiere sind ja häufig mit sehr viel besseren Sinnen versorgt und der Horror beginnt immer da, wo menschlicher Verstand und tierisch geschärfte Sinne zusammen geführt werden, um ein Wesen mit übersinnlichen Kräften zu erschaffen.