Jacques Derrida, So bin ich also dieses Tier, das ich verfolge (in “L’animal autobiographique”), Paris 1999

“Die Frage, so heißt es in etwa bei Bentham, sei nicht, ob das Tier denken, vernünftige Überlegungen anstellen, sprechen etc. kann. Sich dies zu fragen war es letztlich, was zu tun man stets behauptet hat (von Aristoteles bis zu Descartes, von Descartes, von ihm vor allem, bis zur Heidegger, zu Lévinas und zu Lacan; und diese Frage befiehlt über die nach zahllosen anderen Gestalten des Könnens und Habens: Können, das Vermögen haben, das Vermögen zu geben, das Vermögen zu sterben, das Vermögen zu beerdigen, das Vermögen sich zu kleiden, das Vermögen zu arbeiten, das Vermögen, eine Technik zu erfinden etc. – jenes Können also, das darin besteht, als Wesensattribut dieses oder jenes Vermögen, also diese oder jene Macht zu besitzen). Die Frage also lautet nicht, ob die Tiere Lebewesen des Typus zoon logon echon sind, ob sie kraft des Vermögens oder des Besitzes, ob sie vermöge des Habenkönnens des logos, der Fähigkeit zum logos, sprechen oder vernünftige Überlegungen anstellen können (und der Logozentrismus ist zunächst und vor allem eine These über das Tier, das des logos, des Habenkönnens des logos entbehrende Tier: These, Setzung oder Voraussetzung, die von Aristoteles bis Heidegger, von Descartes bis Kant, Lévinas und Lacan aufrechterhalten wurde). Die vorgängige und entscheidende Frage wäre vielmehr, ob die Tiere leiden können. “Can they suffer?” “Können sie leiden?” – Das war in ihrer ganzen Schlichtheit und Tiefe Benthams Frage.

Die Form dieser Frage, ihre Vorgehensweise, ändert alles. Infrage steht nicht mehr allein der logos, die Verfügung oder Nichtverfügung über den logos, und all das, was zu ihm in Konfiguration tritt, ja nicht einmal, radikaler, eine dynamis oder exis, jenes Haben oder jene Seinsweise, jener Habitus, den man als Fähigkeit oder “Vermögen” bezeichnet, jenes Habenkönnen oder jenes Können, das man hat (wie im Vermögen zum Vernunft- und Sprachgebrauch, mit allem, was aus ihm folgt). Was die Frage umtreibt, ist eine gewisse Passivität. Sie selbt legt von ihr Zeugnis ab, es spricht sich in ihr schon die Antwort eines Zeugen aus, sie zeugt, als Frage, bereits von der Entsprechung zu einer passibilité und passion, zu einer Empfänglichkeit und einem Erleiden, zu einem Nicht-Können. Sobald man fragt: “Can they suffer?”, verändert sich der Sinn und verändert sich der Zeichencharakter des Wortes “können” (can). Das Wort “können” schwankt. Ausschlaggebend ist dort, wo eine solche Frage sich erhebt, nicht mehr bloß das, worauf eine Transitivität oder Aktivität zurückverweisen oder wovon sie getragen werden (sprechen können, vernünftig sprechen können oder urteilen können etc.), sondern vielmehr das, was sie in jenem Selbstwiderspruch hineinträgt, sie in jenem Selbst-widerspruch übermächtigt, den wir später zur Selbst-Lebensbeschreibung, zur Auto-Biographie in Beziehung setzen werden. “Können sie leiden?” – Das läuft darauf hinaus sich zu fragen: “Können sie nicht können?” Was hat es mit diesem Unvermögen auf sich? Mit der Verletzlichkeit, derer man kraft dieses Unvernögens innewird? Worin besteht dieses Nicht-Können im Herzen des Könnens? Was ist die Qualität oder die Modalität dieses Unvermögens? Welche Rechenschaft kann man sich über es ablegen? Welches Recht soll man ihm einräumen? Inwiefern sind wir von ihm betroffen, inwiefern wacht es über uns? Leiden können ist kein Können mehr, es ist eine Möglichkeit ohne Vermögen, eine Möglichkeit des Unmöglichen. Darin liegt die radikalste Weise, jene Endlichkeit zu denken, die wir mit den Tieren teilen, und darin liegt die Sterblichkeit beschlossen, die zur Endlichkeit des Lebens selbst gehört, zur Erfahrung des Mitleids, zu der Möglichkeit, die Möglichkeit dieses Unvermögen, die Möglichkeit diese Unmöglichkeit, die Angst vor dieser Verletzlichkeit und die Verletzlichkeit dieser Angst miteinander zu teilen.”

Derrida hat eine Sprache für den Genozid, den Menschen seit den letzten 200 Jahren beispiellos an Tieren vollziehen, vor allem wohl zur Nahrungsbeschaffung. In einem industrialisiertem Maße, dass sie im stetigen Selbstbetrug, zum Ausgleich, Schutzreservate schaffen, wo sie längst beschlossen haben, dem Erhalt vor allem ihrer Art alles andere zu opfern. Die Frage nach dem Unvermögen des Leidens, überhaupt nach einem Unvermögen als Vermögen scheint mir auch eine Frage, die Robert Musil im Mann ohne Eigenschaften umgetrieben hat. Nach Derrida, könnte man sagen, ist mankind die Art, der Vermögen eigen sind, und mankind without qualities wäre animality.

Man baut seit jeher auf eine Kultur der Vermögen, aber man schafft sich mit einigen Aspekten der Religionen auch ein Gegengewicht der Kulturen des Unvermögens, denn sie verstehen sich von der Endlichkeit her. Ich denke zwangsläufig an die Karthäuser und ihren Schweigeorden und den wunderbaren Film Die große Stille, den ich neulich sah. Dass Kinder es oft zu den Tieren zieht, denke ich mir, liegt vielleicht daran, dass sie sich ihrer Vermögen noch nicht besonders bewusst sind, empfänglicher und unvermögend leiden. Ich bin etwas ergriffen, das Tier mit Derrida als ein Unvermögendes zu sehen, mir scheint, das tut dringender Not als Pferden zählen und Hunden sprechen beizubringen, und der Welt zu zeigen, wie ähnlich wir uns das Tier zu machen im Stande sind, indem wir es menschliche Vermögen lehren, und vielleicht aber doch nur damit rechtfertigen, es als das andere, was es so nicht mehr ist, vernichten zu dürfen, weil es eben doch von unserer Art ist, die so übermächtig wurde, dass sie sich stellvertretend kanibalisieren muss, ohne sich selbst zu opfern.

Das Unvermögen empfänglich zu nennen ist schön, man müsste auch ein neues Nomen erschaffen, dass seine Qualität, die keine ist, besser kennzeichnet, vielleicht Empfangsvermögen, aber das klingt leider sehr nach Reichweiten von Sattelitenschüsseln.

One thought on “Jacques Derrida, So bin ich also dieses Tier, das ich verfolge (in “L’animal autobiographique”), Paris 1999

  1. ein pynchonzität, das bild fängt einen gewissen modernebruch ziemlich gut ein, finde ich, der blick aus einem Luftschiff:

    „Aus dieser Höhe war es, als sähen die Freunde, die früher oft beobachtet hatten, wie die riesigen Rinderherden in wechselnden, wolkenartigen Mustern über die westlichen Ebenen zogen, diese ungeformte Freiheit nun zu einer Bewegung rationalisiert, die sich nur in geraden Linien, rechten Winkeln und einer fortschreitenden Reduktion von Alternativen vollzog, um schließlich in das letzte Tor einzumünden, das zur eigentlichen Schlachtstätte führte.“ (Th. Pynchon: Gegen den Tag. Dt. von Nikolaus Stingl und Dirk von Gunsteren)

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