G. Agamben, Das Offene, der Mensch und das Tier, FaM 2002

“Allzuoft stellen wir uns – so hält er fest (Uexküll, Anm. Scho) – die Beziehungen, die ein bestimmtes Tier mit seiner Umwelt unterhält, im selben Raum und in derselben Zeit vor, die uns mit den Gegenständen unserer menschlichen Welt verbinden. Diese Illusion gründet im Glauben an eine einheitliche Welt, die alle Lebewesen umfaßt. Uexküll beweist, daß eine solche einheitliche Welt nicht existiert und daß es eine Zeit und einen Raum, die für alle Lebewesen gleich wären, nicht gibt. Die Biene, die Libelle oder die Fliege, die wir an einem sonnigen Tag neben uns beobachten, bewegen sich weder in derselben Welt, in welcher wir sie beobachten, noch teilen sie mit uns – oder unter sich – dieselbe Zeit und denselben Raum. (…)

Jede Umwelt ist eine in sich geschlossene Einheit, die sich aus der Selektion einer Reihe von Elementen oder “Merkmalträgern” aus der Umgebung konstituiert, die ihrerseits nichts anderes als die Umwelt des Menschen ist. Die erste Aufgabe des Wissenschaftlers, wenn er ein Tier beobachtet, besteht darin, die Bedeutungsträger zu erkennen, die dessen Umwelt definieren.”

Denkt man an Rilkes Panther muss man sich dabei zwangsläufig fragen, ob die gegebenen Stäbe für den Panther überhaupt bedeutungstragend sind.

Nach Uexküll kann kein “Tier in Beziehung zu einem Gegenstand als solchem” treten, sonder nur mit den eigenen Bedeutungsträgern.

“Die Spinne weiß nichts von der Fliege und kann nicht Maßnehmen wie der Schneider, der das Kleid eines Kunden anfertigt. Gleichwohl bemißt sie die Größe der Maschen ihres Netzes gemäß den Dimensionen des Fliegenkörpers und die Widerstandskraft der Fäden in exakter Proportionalität zur Kraft dem Abprall eines fliegenden Fliegenkörpers. Die Radialfäden sind darüber hinaus solider als die Zirkularfäden, weil diese – im Unterschied zu den ersteren von einer klebrigen Flüssigkeit umgeben – genügend Elastizität besitzen müssen, um die Fliege gefangenzuhalten und am Weiterflug zu hindern. Die Radialfäden hingegen sind glatt und trocken, weil sie der Spinne dazu dienen, sich schnellstmöglich auf die Beute zu stürzen und sie endgültig in ihr unsichtbares Gefängnis einzuwickeln. Wirklich überraschend ist der Umstand, daß die Fäden des Netzes genau nach der Sehkraft des Fliegenauges bemessen sind, so daß die Fliege sie nicht sehen kann und in den Tod fliegt, ohne es zu merken. Die zwei Wahrnehmungswelten der Fliege und der Spinne kommunizieren auf grundlegende Weise nicht miteinander und sind gleichwohl derart perfekt aufeinander abgestimmt, daß die originale Partitur der Fliege – die man ihr Urbild oder ihren Archetyp nennen kann – so auf diejenige der Spinne wirkt, daß man ihr Netz als “fliegenhaft” bezeichnen könnte. Obwohl die Spinne in keiner Weise die Umwelt der Fliege sehen kann, drückt das Netz die paradoxe Koinzidenz dieser gegenseitigen Blindheit aus”.

Allein, ich frage mich, wie perfekt ist perfekt? Hinreichend, um zu überleben, ja, aber hat man die einzelnen Netze gezählt, die nie etwas fingen und deren Weber verhungerten? Es fällt auf, spricht man vom Tier und seiner bedeutungstragenden Umwelt, ist die perfekte Anpassung eine, die sich eher an der gesamten Art bemisst, als an ihren Individuen, wenngleich man ab einer bestimmten Stufe von Tierheit, deren Umwelt aus komplexeren Bedeutungsträgern besteht, auch zubilligt, dass Individuen sich anpassen. Eine bestimmte Population Orcas, die etwa das Robbenjagen an Land beherrscht und ihr Wissen offenbar weitergibt an die nächste Generation.

So gesehen ist mein Projekt fast hinfällig, Tiere in Architektur sind einzig Menschen, da für das Tier Architektur nicht bedeutungstragend ist, es wird weder der Verdrängung seines Lebensraums gewahr, noch unterscheidet es, ob es etwa seinen Nistplatz in den Bögen gotischer Kirchen oder im Wald wählt.

 

2 thoughts on “G. Agamben, Das Offene, der Mensch und das Tier, FaM 2002

  1. jetzt mach mal halblang- die frage wäre ja nicht nur, wie das tier die architektur wahrnimmt, doch auch, was architektur aus dem tier macht. außerdem hat die mauerseglerpopulation mit dem ausufern der städte zugenommen, die fledermausverteilung hat sich verschoben und füchse dringen mehr und mehr in meinen lebensraum ein. der leipziger hafen ist ein tierparadies, weil ohne anschluss und außerdem sind deine texte schön.
    ich kann mich auch an ein pinguinfoto von dir erinnern.
    ps: dieser agamben ist der beste agamben

    http://www.youtube.com/watch?v=ULoQyFh4W_c&feature=related

  2. Ja, aber der Mensch denkt Tier und Architektur zusammen, aber ich schreibe ja auch für Menschen:). Ich hoffte, im Herbst könnte es erscheinen, damit wird es leider nichts, Frühjahr 2013. Dann bin ich vermutlich auch zurück, hoffe ich, oder auch nicht. Ich weiß nicht so wirklich, ich brech mir bei den Texten echt was ab, aber danke für Dein Lob, das mich sehr freut.

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