Paul Eiper,Tiere sehen Dich an, Berlin 1928

“Nach menschlichen Begriffen ist eine Schlange entsetzlich dumm. Daß sie nur bewegte Gegenstände wahrnimmt, ist bereits gesagt worden. Darüber hinaus entbehrt die Schlange selbst des primitivsten Gedächtnisses. Kaum ist das Beutetier tot, so hat die Schlange schon vergessen, wo die Nahrung liegt. Es hängt vom Zufall ab, daß sie bei ihren Kriechbewegungen auf den Körper stößt. Nun tastet sie solange daran herum, bis sie den Kopf findet, und beginnt zu schlingen. Manchmal stoßen zwei Schlangen zugleich auf die tote Beute; dann frißt die eine von vorne her, die andere von hinten. Und wenn sie in der Mitte zusammentreffen, schlingen sie ruhig weiter; die eine frißt über die andere hinweg, und beide müssen sterben, wenn sie nicht ein mutiger Wärter mit der Pinzette trennt.”

Die Schlange, die ihren eigenen Körper verschlingt, Ouroboros, der autarke Selbstverzeher, ist Symbol verschiedenster Kulturen. Wenn man googlet, findet man allerdings eher tatsächliche Probleme von Haltern, die Eiper recht geben dürften:

“Ich hab seit 8 Wochen einen Königypython, er ist von 2008 wiegt ca 1300 Gramm und ist um die 100 cm lang. Ich fütter ihn bisher im Abstand von ca 5 Tagen mit 120 Gramm Frostratten, welche Problemlos gefressen werden.
Gestern Abend nach dem Fressen, ist er hektisch hin und her gedüst in seinem 90 x 50 x 50 Terrarium und hat sich am Schluss in eine Ecke gelegt und angefangen sich selbst zu fressen. Er hat sich selbst am Schwanz gepackt und Stück für Stück reingeschlungen, ich bin total erschrocken und hab ihn dann mal mit einer Sprühfalsche etwas besprüht dann hat er sich selbst wieder ausgekotzt und hat geschaut und sich normal eingerollt und geguckt. Nach ca 2 Stunden war das selbe Spiel noch mal vorne.”

“Ich konnte ein ähnliches Verhalten mal bei meiner Kornnatter beobachten. Allerdings geschah das nach einer Fütterung, bei der die Frostmaus leicht aufgeplatz war bzw. vermehrt Blut an die Schlange gekommen war. Anschließend versuchte diese sich in die Körpermitte zu beissen. Ein warmes Bad und die Sache war geregelt und hat sich seit dem nicht mehr wiederholt.”

Das Bewusstsein, wo der eigene Körper anfängt und aufhört, ist sicher eins, das wesentlich zur Identitätsbildung beiträgt. Ich misstraue ja den Ideologien der poststrukturalistischen Ichthyologen von den vielen Ichen, das scheint mir alles sehr unscharf gedacht und nicht auf das Ich zu zielen, was ich meine, wenn ich Ich sage, und diesem ich eine relative Kontinuität bescheinigen würde. Mir scheint, dieses Ich hat genau etwas mit dem Bewusstsein von den eigenen Körpergrenzen zu tun, das einigen Tiere zu fehlen scheint.* Vermutlich ist auch damit eine Form der Sexualität verbunden, die sich eben auch deshalb von denen der meisten Tiere unterscheidet, weil sie identitätsbildend ist.

*Wenn man genauer drüber nachdenkt, tut man der Schlange vielleicht doch zu kurz, denn sie ist ja ein wechselwarmes Tier, wenn man sie nun mit Frostratten füttert, ist es vielleicht kein Wunder, wenn sie ihren Körper nicht mehr als den ihren wahrnimmt, so mit Frostratte im Magen.

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