Zirkus

Umherziehen und campen mit exotischen Tieren. Als Kind hat mich am Zirkus vor allem ihr temporäres Lager Aufschlagen in den Städten interessiert, meist auf Brachflächen an ihren Rändern, die irgendeinem Bauer gehörten, der vielleicht nur den Exotendung als Standmiete nahm, wenn er nett war. Die eigentliche Vorstellung, die Kunststückchen, das war mir alles egal. Man hat sich immer gewünscht, sie würden mal daheim vorm Haus auf der Wiese campieren und man könnte dann nachts Löwen brüllen hören, statt das Gurren der Haustauben auf dem Dachboden. Die Fremde musste für mich immer weniger fremd aussehen, wenn es nur anders klang und roch. In den Einkaufsstraßen sammelten Zirkusleute dann mit einem Lama oder einem Pony Geld für sich und die Tiere, das die Vorstellungen nicht einspielten und machten gleichzeitig Werbung für sie. Die Lamas waren sehr beliebt, denn es konnte passieren, dass man beim Spenden oder Streicheln bespuckt wurde. Das machte die Angelegenheit scary und spannend. Hier in São Paulo gibt es an den Wochenenden in den Parks manchmal einen Drehorgelmann mit einem Periquito im Käfig, der schaut einen etwas scheel mit auf die Seite gelegten Kopf an und zieht dann für 2 Reais ein Los mit dem Schnabel. Ein kleines buntes Papier, auf dem irgendwas steht, vielleicht ein Orakelspruch? Was mich rührt, ist vielleicht, dass der Zirkus kein Herrschaftshaus ist, dass sich Schautiere zur Repräsentation hält, keine Demonstration der Macht geht von ihm aus, kein Escobar, der sich Hippos aus Afrika einfliegen ließ für seine Hacienda Nápoles und damit zeigte: ich kann alles machen, ich kann selbst die einzigen Hippos ganz Südamerikas besitzen, mir macht keiner was vor. In den kleinen Wanderzirkussen kam es mir immer eher wie eine Form des sich Verbündens im Elend vor, wie der Obdachlose, oder der Cartonero hier, dem seine Hunde folgen, wenn er sich selbst vor seinen Karren spannt und durch die Straßen zieht, um wiederverwertbares Material für die Recyclinghöfe zu sammeln. Das Tier fragt nicht danach, welchen Platz man in der Gesellschaft hat, wie sehr man von ihr belächelt wird, wozu man es gebracht hat. Ich erinnere mich an ein Porträt von Richard Avedon eines jungen Schlangenenthäuters, was oft wie Exzentrik wirkt, scheint doch eher eine archaische Form von Notgemeinschaft abzubilden. Mit und von den Tieren leben. Erst gestern sah ich einen alten hageren Mann auf einem Rad, dessen Gepäckträger er für seinen Hund ausgebaut und um ein zweites Hinterrad erweitert hat, das wie ein Stützrad leicht über dem Boden schwebt und starke Schwankungen vermeiden hilft, dass es den Hund nicht runterkegelt in den Kurven.

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