Paul Eiper, Tiere sehen dich an, Berlin 1928

“Da kauert der große Bengaltiger, der im Sommer ein Geschwür am linken Vorderbein hatte; ihm bekommt das nasse Wetter nicht gut, er hüstelt und weißer Saft läuft aus seinen Leftzen. Aber er ist ein kraftstrotzendes Tier. Lovis Corinth hat ihn gemalt und mir einmal voller Begeisterung erzählt: “Denken Sie, was ich gesehen habe: Die Paarung der Tiger. Toll! Die beiden Tiere lagen jedes in einer Ecke ihres Käfigs; plötzlich – ein Krachen und ein Getobe. Ich sah nur noch Farbflecke, wilde Farbflecke. Wie Gummibälle flogen die Bestien aneinander hoch. Sie fauchten und brüllten und sausten im Eifer des Gefechtes mitten in die pralle Sonne hinaus, ganz vorn an die Gitterwand.

Hier geschah es, daß das Männchen zum Ziele kam. Ein dumpfes Grollen, verbissen im Genick der langgestreckten Tigerin tat es sein Werk. Wie ein Weib räkelte sich nachher die schöne Bestie, alle Viere von sich gestreckt. Es war ein großer Eindruck. Ganz anders als bei Ihrem besonderen Freund, dem Löwen, wo so etwas langweilig und ganz geschäftsmäßig vor sich geht. Beim Hengst ist es allerdings noch gewaltiger, bloß, daß da die Farben fehlen.”

Der Ottertext ist fertig. Ich lese im Eiper und bin amused, nicht zuletzt, was den Farbfetischblick Corinths auf die tierische Kopulation angeht. Ich vermisse meine Kunstbände, im Netz finde ich nur das Bacchanal mit Tigern von ihm, was aber in dem Zusammenhang ganz gut passt. Leider fehlen mir im eigenen Archiv gute Tigerfotos, am ehesten noch die aus Las Vegas, von den weißen Tigern Siegfried und Roy’s, die sie im Durchgang zum Mirage Hotel & Casino hielten, hinter Glas. Ich hab am Strip wirklich jedes Hotel abgeklappert, das etwas mit Tieren zu tun hatte, und rückblickend, scheint mir, hatte auch jedes Hotel irgendeinen dressierten Tigerhai. Tiger sind auf jeden Fall von Delacroix über Slevogt bis Marc und Rousseau immer reichlich vertreten gewesen in der Malerei. Im Fin de Siècle tauchen dann Geparden auf, Großkatzen an der Leine neben Salonlöwen. Was sind eigentlich die Big Five des Zoos? Ein Ranger im Kleinen Karoo erklärte es so, Big Five sind in freier Wildbahn die Tiere, wo die Chance 50 zu 50 stehe, dass im Zweikampf Jäger oder gejagtes Tier überlebt, wobei das ja wohl sehr von der Wahl der Waffen abhängen dürfte. Die Big Five des Zoos müssten folglich die Tiere sein, die vielleicht am schlechtesten auszumachen sind, Zwergchamäeleons und Erdferkel, irgendein lichtscheues, schwer zu erspähendes Völkchen vielleicht.

Als Kind hatte ich ein ganz eigenes Zootigererlebnis. Man fand häufiger den Hinweis an Tigerkäfigen: Vorsicht! Tiger spritzt durchs Gitter. Sinnfällig wurde mir erst, was damit gemeint war, als ein Tiger meine Freundin Jutta durchs Gitter markierte, und die war ganz schön nass danach, das Schild hatte also seine Berechtigung. Vorher hatte ich mir irgendwas Transzendentes gedacht, ein Tiger, der durch Gitter geht, wie bei einem Zaubertrick.

Der König der Tiere ist auf jeden Fall im Bett so was wie die totale Routinenummer nach Corinth, wie machen es die Flughunde und die Komodowarane?

Hinterlasse eine Antwort