Tauben

„Das Peinliche an dem Nachrichtendienst durch die Tauben war, daß er nur in einer Richtung funktionierte. Es schien von Natur den Tauben nur gegeben, sich nach einem Ort zu orientieren; steckte man ihnen noch ein zweites Ziel, wurden sie unsicher und verflogen sich. (…)

Dem Italiener Malagoli gelang es, dieses Hindernis zu beheben. Er korrigierte die Natur nach dem Grundsatz des Idealisten Schiller: „Bis Philosophie die Welt in ihrem Bau zusammenhält, erhält sich das Getriebe durch Hunger und durch Liebe.“ Die Abrichtung von Brieftauben wurde dahin geändert, daß man sie nicht nur gut fütterte, sondern auch für ihr sexuelles Wohlergehen sorgte. Malagoli zerlegte das Schillersche Grundgesetz räumlich in zwei Teile: bei ihrer Ankunft in ihrem Heimatort erhielten die Vögel reichlich Nahrung, aber wurden in strenger sexueller Askese gehalten; an einem zweiten Ort, an den man sie führte, konnten sie ihrem Liebesbedürfnis freien Lauf lassen. Durch die List gewöhnten sich die Tauben daran, zwischen den beiden Orten hin- und herzufliegen.

Am Vorabend des ersten Weltkrieges erwartete Militär und Zivil für den Ernstfall von den Vögeln neue Großtaten. Noch kam ihnen an Flinkheit und Ausdauer kein Fahrzeug gleich. Die Tauben legten bis zu neunzig Kilometer in der Stunde zurück, sie durchflogen tausend Kilometer ohne Unterbrechung in fünfzehn bis zwanzig Stunden – damit konnte sich kein Schnellzug und kein Rennauto messen. In Frankreich hatte man Schwalben abgerichtet, die hundertfünfzig Kilometer in der Stunde flogen. Auch die Sicherheit der Vogelflugpost hatte sich sehr verbessert. Die Tiere wurden in den meisten Ländern militärisch gemustert, wie Soldaten und Pferde, hatten ihren Mobilmachungsbefehl. Die Tausende von Züchtervereinen – in Deutschland allein gab es dreizehnhundert – waren kaum mehr als Vorbereitungsschulen für den militärischen Nachrichtendienst.

Dann kam die große Enttäuschung. Nicht, daß die Vögel Defaitisten wurden und den Kriegsdienst verweigerten. Aber die Maschine machte ihrer Kriegslaufbahn ein Ende. Mit der drahtlosen Telegraphie konnten weder Tauben noch Schwalben mithalten. Marconi hatte seinen Landsmann Malagoli besiegt.“

Morus (Richard Lewinsohn), Eine Geschichte der Tiere. Ihr Einfluss auf Zivilisation und Kultur, Hamburg 1952.

im rupturwundemuseum

im rupturwundemuseum

standen viele vitrinen

mit mull und mehr mull

kein nacktmull

im rupturwundemuseum

waren die wände in jodrot

gestrichen und präparatoren

mussten sich balgen

im schaukampf ließen sie federn

im rupturwundemuseum

fragte mich ein rupturwundenwärter

wuischt a pflasta?

und erzählte dann umgehend von

seinem laster, jetzt kein lkw

er sagte, das schönste hier unter all

der zerreißung sei die verheißung

auf heilung und pflege und krustenbildung

und dass er im dienst der schmerzenstilgung

die wunde begrüße

im rupturwundemuseum kriegte ich kalte füße

und kaufte mir im rupturwundenmuseumsshop

ein kilo gips für totemmasken und ging dann ins tier

Katzenartige

Löwen. Eigentlich will ich als nächstes über Katzen schreiben, die Katzen von La Recoleta, der Stadt der Toten, wo Argentinien noch um Evita Perón weint. Es gibt unfreiwillig aufgelassene Gruften mit Blick auf Särge. Katzen beleben sie. Friedhofswärter füttern sie und schaffen ihnen ein Lager für die Nacht. Der Tod und die Tiere. Einige sollen ihn riechen, wenn er nah sei. Alban Nikolai Herbst erzählte mir von den Parsen, die ihre Toten den Geiern überlassen. Die Vorstellung, jemanden unter die Erde oder in eine  Gruft, – eine letzte Wohnstatt – zu bringen, mit dem man gelebt hat, sich durch Raum und Zeit bewegt, ist mir nach wie vor so unvorstellbar wie unangenehm.

Die Frage bleibt, ob ich die Buchtexte wirklich umbrechen soll, ja, es ist beschwerlich, sie mit den Mitteln der Dichtung in Prosa zu bringen, aber es entspricht dem Thema, Verse gäben mehr Raum, aber den haben Tiere in Architektur nun mal nicht. Die eigenen Dressuren, sowieso, das ständige am Schreibtisch sein, wollte man nie. Die Unrast, die Unruhe, die eigenen Beschränkungen. Rennen war eigentlich mal das größte Glück. Die Welt als ganzer Erfahrungsraum, in den meisten Pässen ist schon das gründlich vereitelt.

Gated. Man kann es nicht weit genug denken, was das eigentlich heißt.